Ein Interview mit Stege ART von Christian Gräff

Herr Gesicki: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Bild?

An meine ersten abstrakten Gehversuche kann ich mich noch erinnern, ich war 4 oder 5 Jahre alt. Später um 1990, ich habe Korkmatten auf Holzplatten aufgeklebt und dann mit Sprayflaschen behandelt.

Hat gegenständliche Malerei Sie jemals interessiert?

Ja, eigentlich bis heute. Ab und zu sehe ich es als nötig an, dass man gegenständliche Dinge malt. Nach meinen ersten abstrakten Versuchen habe ich auch Landschaften und Gegenstände gezeichnet. Und im Studium der Architektur war natürlich alles gegenständlich.

Was bedeuten Farben für Sie?

Farben sind ein Ausdrucksmittel, aber auch wiederum ein Material, um etwas entstehen zu lassen. Es kommt auf die Anwendung an. Wenn man ein Haus anstreicht, hat Farbe die gleiche Funktion wie zum Beispiel Mauersteine. Benutze ich Farben und vielleicht auch andere Materialien, um Bilder herzustellen, dann haben die Farben nicht nur eine Funktion. Gänzlich und abschließend habe ich die Bedeutung von Farben aber für mich noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass ein Bild nicht zwangsweise aus Farben bestehen muss. Siehe Udo Lindenberg, der Likörelle malt: er benutzt Likör, um zu malen.


Sie sind ja von Hause aus Architekt. Spielt das eine Rolle in Ihrer Kunst,
oder führen Sie da zwei ganz getrennte Leben?

Es gibt einige Gesetzmäßigkeiten, die in der Architektur und der Kunst gleichermaßen Anwendung finden. Die Architektur ist ja auch eine Kunst, die Baukunst ... . Ich würde aber sagen, dass die Kunst an sich eher Einfluß auf die Architektur hat, als umgekehrt. Die Architektur kann ein Teilbereich der Kunst sein. Eine neue Kunstströmung kann eine neue Architektur hervorbringen, aber eine neue Architektur, die sich durchaus auch ohne Kunst entwickeln kann, ist nicht in der Lage, eine Kunstströmung zu erzeugen.

Andersherum gefragt: wirkt sich Ihre künstlerische Tätigkeit auch auf Ihre Architektur aus? Würden Sie vielleicht, da Sie Farben und organische Formen lieben, gerne Häuser à la Hundertwasser bauen?

Ich finde die Häuser und Projekte von Hundertwasser sehr interessant, könnte aber selbst solche Häuser niemals bauen, jedenfalls glaube ich das. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich in der Architektur noch nicht von meiner eher strengen, geradlinigen Ausbildung gelöst habe. Hundertwasserhäuser sind mir etwas zu verspielt. Ich würde aber gern neue Techniken ausprobieren, zum Beispiel ein Haus aus Strohballen bauen. Das geht durchaus: es gibt bereits solche Häuser in Frankreich und Amerika, und die sind 100 Jahre alt. Ich suche noch einen unkonventionellen Bauherrn für dieses Projekt. Ich kann mir momentan noch keine direkte Verbindung von Architektur und meiner Malerei vorstellen. Da ich mich aber immer noch weiterentwickle, kommt das vielleicht noch. Das würde dann ja auch meine These stützen, dass Architektur aus der Kunst entstehen kann. Von mir erstellte Baukörper sind zwar nicht unbedingt von purer Sachlichkeit geprägt. Sicherlich, weil ein gewisser Hang zu Farben und organischen Formen schon immer da war. Aber er ist in meiner Architektur nie so zum Ausbruch gekommen, wie es momentan in meinen Bildern der Fall ist.

Haben Sie Vorbilder, vielleicht sogar gemeinsam in Architektur und Kunst?

Es gab ja immer ein paar Architekten die gemalt haben. Der wohl berühmteste Vertreter ist ja Le Corbusier. Aber seine Bilder sind mir zu klotzig. Seine Bauten dagegen können ruhig klotzig sein - ich denke da an die Unite de habitat in Berlin, oder aber die Stadt Chandigar in Indien - die ich als Student besuchte. Manche seiner Sachen sind heute vielleicht überholt - von Bauschäden ganz zu schweigen - aber beeindruckend sind sie doch. Seine Architektur ist klotzig, aber gut. Ansonsten versuche ich, meinen eigenen Weg zu finden: in der Architektur wie im Malen.

Glauben Sie, dass Architektur und Kunst eine Symbiose eingehen können? Das Bauhaus hatte schließlich eine innige Beziehung zum Kunsthandwerk. Vielleicht könnten sich die vermeintlich streng reglementierte Baukunst und das frei Künstlerische gegenseitig befruchten?

Ja natürlich, das Bauhaus hat es ja bewiesen. Allerdings glaube ich, dass der Strom von der Kunst in Richtung Architektur viel stärker war als umgekehrt. Vielleicht hat es auch nur in einer Richtung funktioniert. Aus einer Lederhaut eines Tieres, die gegerbt ist und eine gewisse Farbe hat, können Sie eine Jacke machen. Aber aus einer Jacke können Sie keine Lederhaut mehr machen.

Hat Ihre Malerei auch viel mit Ihnen persönlich zu tun, erzählt sie auch von Ihrem Leben?

Meine Malerei oder auch meine Kunst ist von großer Vielfalt gekennzeichnet. Vielleicht liegt das an einem bewegtem Leben. Gelernt habe ich bei der Deutschen Reichsbahn, habe mechanische Stellwerke aus der Jahrhundertwende aufgearbeitet. Dann war ich bei Robotron, dem DDR- Computerhersteller, Hardwaretechniker. Nebenbei habe ich auf Märkten zum Beispiel selbstgemachte Lampen und Fuchsschwänze als Schlüsselanhänger verkauft. Bei der Armee war ich erst Kraftfahrer, dann Werkstattleiter in der Autoreparatur. Zum Glück kannte ich mich etwas aus, da ich kurz zuvor meinen 20 Jahre alten Trabbi aufgebaut hatte. 1989 begann ich mein Studium an der TU Dresden als Elektrotechniklehrer. Aber noch vor Grenzöffnung flüchtete ich im Oktober über Ungarn nach „drüben“. Da war ich Pizzafahrer in Karlsruhe, Altzeitschriftensortierer am Fließband, Elektriker und wieder Hardwaretechniker. In dieser Zeit fing ich an, meine ersten Bilder zu malen, beeinflusst durch Reisen durch ganz Westeuropa. Ich war auch vorher schon viel unterwegs, hatte fast den gesamten Ostblock bereist. Aber eine Reise nach Sizilien hat den Ausschlag für den weiteren Lebensweg gegeben. 1991 entschloss ich mich, Architektur in Kiel zu studieren. Ich suchte immer die Nähe zu den richtigen Kunststudenten, aber die Architektur erschien mir greifbarer. Ich habe dann in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet. Nebenbei habe ich mit gebrauchten Zeichenmaschinen und Planschränken gehandelt, zum Teil in Berlin gewohnt und in Kiel studiert. Nach dem Studium arbeitete ich in einem großen Büro, bevor ich mich selbständig machte. Ich zog dann an den Rand von Berlin in ein von mir renoviertes Haus. Seitdem ging es mit der Malerei, die ich eigentlich immer nebenher betrieben hatte, besser voran. Ich denke schon, dass meine Bilder einen großen Teil meines Lebens reflektieren, und so durchlebe ich in der Kunst Phasen meiner Vergangenheit.

Könnten Sie sich vorstellen, nur noch Architekt zu sein, und nicht mehr zu malen?

Nein die Malerei ist ein bedeutender Teil in meinem Leben. Ich denke, die Architektur wird sich da unterordnen müssen. Es muß immer genug Zeit zum Malen bleiben, eigentlich müsste mehr Zeit zum Malen da sein.

Viele Maler haben ganz unterschiedliche Phasen durchlebt, von der gegenständlichen Malerei zur Abstraktion etwa. Haben Sie bei Ihrer Malerei solche Phasen hinter sich gebracht?

Ja, aber ich war so vermessen gleich mit der Abstraktion anzufangen. Ich glaube ohne gegenständliche Malerei kommt man nicht aus. Das bedeutet für mich, dass ich in meiner Entwicklung der abstrakten Malerei immer Phasen der gegenständlichen Malerei einlege, um einen weiteren Schritt zu tun. Abstrakte Malerei kommt ganz ohne Gegenstände nur schwer aus. Denn es könnte sein, dass dann die Substanz fehlt.

Sie benutzen unterschiedlichste Materialien in ihren Bildern. Was wollen
Sie dadurch erreichen?

Es gibt viele Materialien, aus denen ein Bild entstehen kann, Farben sind da nur ein kleiner Teil. Da sie leicht zu gebrauchen sind, werden sie gerne als Ausdrucksmittel eingesetzt. Aber es gibt viele andere Möglichkeiten, etwas auszudrücken. Gips, Sand und Hobelspäne etwa sind interessante Materialien, aber es kommt ja dann immer noch darauf an, wie sie eingesetzt werden. Farbe kann man mit einem dicken, dünnen oder gar keinem Spachtel auftragen. Was man mit den verschiedenen Materialien erreichen kann? Farben und Materialien umgeben uns. Farben bestehen aus Material. Es ist der Versuch einer Ganzheitlichkeit. Vielleicht haben manche Bilder ein Recht darauf, aus mehr, als nur aus Farben zu bestehen.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Das bleibt mein Geheimnis, aber falls ich es doch mal erzählen sollte, dann wären Sie sicherlich überrascht.

Ist das ein langer Prozeß, bis ein Bild Gestalt annimmt, oder malen Sie"aus dem Bauch" heraus?

Es kommt auf die Schaffensphase an, auf die künstlerische Fruchtbarkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt. Manche Bilder entstehen in kurzer Zeit, für andere brauche ich Jahre, einige werden immer wieder überarbeitet. Sie entwickeln sich, wachsen über eine lange Zeit. Aus dem Bauch heraus? Bauch und Kopf sind Teile eines Körpers. Man kann mit allen Körperteilen malen. Wenn sie einige meiner Bilder genau betrachten, werden Sie sehen, dass sie Farbabdrücke von Körperteilen enthalten.

Was ist das wichtigste Thema Ihrer Malerei? Und gibt es ein Bild, das Sie unbedingt noch malen wollen?

Es wird immer wieder neue Themen geben. Welches da am wichtigsten ist? Ich müsste mir mal einen Überblick über alle meine Bilder verschaffen, um das beurteilen zu können, aber ich lasse mich von vielen Themen inspirieren. Eine Einengung auf bestimmte Felder würde ich gar nicht zulassen.Ein Bild, das ich noch malen möchte? Ich weiß ja, wenn ich zu malen anfange, nicht, was da am Ende genau entstehen wird. Ich habe also kein Bild vor Augen, das ich fixieren möchte, sondern ich bin beim Malen in einem sich ständig entwickelnden Prozess. Und das Bild ist Ausdruck des Prozesses.

Das Interview mit Stefan Gesicki führte der ARD-Journalist Christian Gräff.